Die Echofängerin

erschienen 2008

 

ÜBERSICHT

 

SOMMER 1944   »VERA MIT PÜPPCHEN«

 

Verena kommt mit ihrer kleinen Tochter und ihrem

Bruder in der Gegend an, in der nun die meisten

Geschichten spielen. Als »Neue« nimmt sie Sitten und

Regeln der Gemeinschaft wahr.

( Dialog und Brief )

 

SOMMER-HERBST 1944   »DAS LAZARETT«

 

Katharina und die fast dreijährige Jana erleben

Vorbereitungen, Reise und Aufenthalt, als sie den

schwer verwundeten Ehemann bzw. Vater in einem

Soldaten-Krankenhaus besuchen.

( Innere Monologe und Schlussdialog )

 

HERBST 1944   »CHURCHILLS SCHWIEGERMUTTER«

 

Drei Kinder türmen aus der Evakuierung und schlagen

sich nach Hause durch. Jetzt müssen sie versteckt

werden, um den Nazi-Kommandos für Kinder

( »Schanz-Arbeiten« ) zu entgehen.

( Erzählung )

 

HERBST 1944   »BILANZ«

 

Elisabeth unter der Zwangsverpflichtung zur Fabrik-

Arbeit. Ihr Verlobter ist »gefallen«. Inmitten der

fortschreitenden Zerstörung verschafft sie sich

Gedanken-Klarheit.

( Innerer Monolog )

 

1948 ÜBER DEN WINTER 1944   »HAUSAUFSATZ«

 

Bernd soll einen Aufsatz über sein »aufregendstes

Erlebnis« schreiben. Heraus kommt eine Geschichte

über Alarm, Bomben, Keller, Bunker und Engel, die im

Feuer verbrennen. ( Schulaufsatz )

 

1993 ÜBER 1940 UND DEN WINTER 1944

»SCHWARZER KAFFEE«

 

Sophie erzählt von den Flächen-Bombardierungen 1944

und der Suche nach Verschütteten; auch, wie sie zu

Beginn der Bombardierung 1940 ihr Baby verlor und

dabei beinahe starb.

( Erzählung, dokumentarische Interview-Niederschrift )

 

WINTER 1944/45   »REISE NACH POLEN«

 

Hanne darf mit Katharina, Jana und Bernd reisen. Sie

freut sich auf gutes Essen, Menschen und Tiere auf dem

Bauernhof. Das Paradies verkehrt sich in eine Hölle, der

sie mit knapper Not entrinnen.

( Erzählung und Innerer Monolog )

 

WINTER 1944/45   »WIR ABER WACHTEN«

 

Spracherwerb der Kinder : das Wort Mörder. Zwei

Piloten eines abgeschossenen alliierten Flugzeugs

werden gelyncht. Die Frauen versuchen, einen Schleier

vor Durchblick, Liebe und Trauer der Kinder zu ziehen.

( Lyrische Prosa und Dialog )

 

FRÜHJAHR 1945   »FRÜHSTÜCKSLIED«

 

Der Pilot eines alliierten Aufklärungs-Flugzeugs

beschießt Frauen und Kinder auf den Straßen und in

den Trümmern mit seinem Bord-MG.

( Lied )

 

APRIL 1945   »DAS SIND UNSERE«

 

Kriegsende in der Stadt. Streit um Befehlsverweigerung,

»Kapitulations-Bettlaken«, Kindersoldaten. Oma

Schweikert amüsiert sich über die durchziehenden

amerikanischen Soldaten.

( Theaterstück )

 

1945   »SCHUTT UND TRÜMMER«

 

Verpflichtung zum Trümmerräumen für Frauen gegen

Lebensmittel-Marken. Staub. Atmosphäre von »Wir

räumen das hier auf, und jeden braunen Kopf machen

wir sofort platt, wo er sich zeigt«.

( Lyrische Prosa )

 

1945   »AND DONE AGAIN« (ENGLISCH / DEUTSCH)

 

Tommy the Cook, britischer Offizier irischer Herkunft,

zuständig für die Versorgung britischer Soldaten in

einem provisorischen Lazarett, füttert ein deutsches

Kind durch.

( Innerer Monolog )

 

1945/46   »LIEBE MAGDALENA«

 

Katharina schreibt sich ihre Not vom Herzen, erzählt

vom »vermissten« Ehemann, dem bösen und dem lieben Böckmann und davon, wie sie es mit ihrem Vierer-Schwur gemacht haben.

( Brief )

 

1945/46   »DER SCHWUR«

 

Vier Frauen haben sich geschworen, dass Ortsnazi

Böckmann nie wieder eine gute Arbeit bekommt. Im

Kriegsende-Chaos sind sie unterwegs, wobei es zu

ungewöhnlichen Bündnissen kommt.

( Theaterstück )

 

1946   »GLÜCK AUF !«

 

Untertage-Welt, Übertage-Welt. Zwangsverpflichtung

zur Grubenarbeit für Jochen, »man muss ja an seine

Kohle kommen«. Jochen überlebt einen Unfall - es

kann immer auch »Glück unter« heißen.

( Balladenartige Suada )

 

1946/47   »PFARRER LITZ«

 

Ohne Menschlichkeit keine Autorität. Die

Gemeinschaft nimmt es hin, dass der Pfarrer da ist,

verachtet ihn jedoch wegen seiner Bösartigkeit. Die

Kinder verspotten ihn.

( Spottlied )

 

HERBST 1946 oder 47  

»TABAK - KÜRBIS - JOHANNISBEEREN«

 

An den Orten Garten und Hof spielt sich viel Leben ab.

Hannes bekommt einen Streich gespielt. Sein Geiz wird

sanktioniert, denn die Gemeinschaft ist auf Austausch

angewiesen.

( Dialoge, Szenen )

 

HERBST 1946 oder 47   »NEUE ZEITRECHNUNG«

 

Hunger nagt an der Balance. Versuch, einen Hund

zu essen. Die Menschen fühlen sich seelisch verletzt,

wodurch dieser Tag zu einer Zeit-Orientierung in ihrem

Gedächtnis wird.

( Erzählung )

 

JANUAR 1946 BIS DEZEMBER 1947   

»ZETTELKASTEN ERIC BAKER«

 

Ein englischer Nachrichten-Offizier sammelt

Informationen, Fotos und Material aller Art für

Reportagen. Aber der Kalte Krieg läuft schon, und

die progressiven Kultur- und Medien-Offiziere werden

gezwungen, in ihre Heimatländer zurückzukehren.

( Stichworte, Reportagen-Material

Dokumentarisch. Quelle: Stadtarchive )

 

1947   »DIE SCHÖNE SUPPE«

 

In einer Fabrik wird Suppe ausgeteilt für Kinder toter

Arbeiter. Ein Nachbars-Kind geht für ein erkranktes

»berechtigtes« Kind hin, bekommt Essen, gerät in einen

inneren Konflikt und erbricht die Suppe.

( Die ganz kurze Kurzgeschichte )

 

1947   »KINO«

 

Zwei alte Frauen, Johanna und Lore, das erste Mal im

Kino. Johanna bekommt es bei der Großaufnahme von

einem Schiff mit der Angst zu tun und rennt schreiend

hinaus.

( Dialoge, Szenen )

 

1948   »AUF EINEM BAUM EIN KUHUCKUCK«

 

Schule; Blindgänger; Hygiene-Probleme. Kinder, die

sich die Welt erklären. Die Nachricht vom Tod des

Vaters kommt bei Jana an. Das Todes-Datum im Jahr

1944 ist ihr dritter Geburtstag.

( Tagebuch )

 

1948   »EIN BESONDERER TAG«

 

Der alte Johannes pendelt zwischen Zeche, Garten,

Tiere versorgen und Wohnung hin und her. Johanna ist

bettlägerig. Johannes erspürt die Todesstunde seiner Frau.

( Innerer Monolog )

 

HERBST 1948   

»DIE WÄSCHEREI« (RUHRDEUTSCH / HOCHDEUTSCH)

 

Die Frauen und Willi bei der Arbeit und in der

Mittagspause. Arbeitsablauf, Arbeitsbedingungen,

Sprachspaß. Das Geldmachen des Wäscherei-Besitzers.

Elisabeth erfindet ein Lied.

( Hörspiel )

 

1993   »DAS FEST«

 

Ein Zeitsprung hat stattgefunden.

Magdalena, eine Frau aus dem Schwur-Vierer, stirbt an

ihrem eigenen Geburtstag. Die Geburtstags-Gesellschaft

bleibt bis zum Beerdigungs-Essen zusammen. Fäden aus

den Vorgeschichten werden weitergesponnen, Rätsel aus

den Vorgeschichten gelöst.

Chronistin des Festes ist Sohaila, ein afghanisches Mäd-chen, das von der Gemeinschaft adoptiert ist. Aus ihrem

Kenntnisstand heraus schreibt sie das Geschehen mit.

( Niederschrift und Dialoge )

 

 

Die Echofängerin - Roman zur Zeitgeschichte

Umfang 252 Seiten 

 

Das Buch besteht aus 25 Geschichten/Kapiteln/Tei-len, die jeweils selbstständig sind und gleichzeitig Puzzlestückchen zu einem großen Bild.

 

Dieses Bild erzählt das Leben in einer ArbeiterInnen-Siedlung in der Zeit von 1944-48. Zweiter Buchteil: heute. Im Zentrum steht die Familie von Hanne und Johann mit ihrer Nachbarschaft. Verbunden sind alle Figuren durch ein System von Normen und Werten sowie durch den unbestechlich ironischen Geist ihrer rhythmischen Sprache in der Verkleidung von hochdeutsch. Zwei Geschichten kommen doppel-sprachig daher: englisch & deutsch ("And done again"); Ruhrsprache & hochdeutsch

("Die Wäscherei").

 

Die Netzwerk-Kraft dieser Verbundenheit (1. Buch-teil) gründet auch in der gefährlichen Arbeit der Männer und Frauen in Zechen und Fabriken. Das faschistische Blabla wird zwar entblößt, denn die Leute sind nicht ängstlich und haben Respekt nur innerhalb ihres eigenen Werte-Kanons. Als jedoch die Zechen-Flak ein Aufklärungs-Flugzeug abschießt, werden die beiden jungen Piloten gelyncht, und die Frauen versuchen, den Ablauf vor den Kindern zu vertuschen ("Wir aber wachten").

 

Die roten Fäden der einzelnen Innensicht-Teile sind verwoben: Lebenspunkte Garten und Hof - Liebe zum szenischen Spiel - Wie die Frauen nach dem Krieg verhindern, dass Ortsnazi Böckmann einen Job bekommt - kollektiver Umgang mit dem Hunger usw.

Diese Innensicht erhält ein Echo in drei Außensicht-Teilen: Das Lied des sadistischen Tiefflieger-Piloten, der Frauen und Kinder auf den Straßen mit seinem Bord-MG beschießt ("Frühstückslied"), steht gegen die Geschichte des Lazarett-Offiziers Tommy the Cook, der die handfeste Nahrungsbeschaffung im Blick hat und deutsche Kinder durchfüttert ("And done again"). Der Journalist Eric Baker sammelt zwei Jahre lang Material für Reportagen, gerät damit in den Kalten Krieg und wird gezwungen, nach England zurückzukehren ("Zettelkasten Eric Baker").

 

Die letzte Geschichte, praktisch ein zweiter Buchteil, stellt ein großes Erzählfest dar, das von einem Geburtstag=Sterbetag bis zum Beerdigungs-Essen reicht ("Das Fest"). Es hat ein Zeitsprung statt-gefunden, neue Figuren und heutige Einschätzungen spielen eine Rolle.

Obwohl auch traurige Episoden zur Sprache kommen, herrscht eine Atmosphäre von Freude über das Wieder-Aufsuchen der Geschichte(n).

 

Geschichten fügen sich zum Mosaik-Lebensbild einer deutschen Arbeiter/Arbeiterinnen-Siedlung in der Zeit von 1944 bis 48. Im Zentrum steht die Familie von Johanna und Johannes mit ihrer Nachbarschaft und der kleinen Majana als Echofängerin und Erinnerin der Ereignisse. Die Geschichten nehmen sich verschiedene Formen und spielen so das Viele und die chaotischen Lebensumstände mit. Verbunden sind sie durch gemeinsame Werte der Personen und den ironischen Geist ihrer rhythmischen Sprache, worin sich auch Officer Tom´s Englisch und die dokumentarischen Teile einfügen. Im zweiten Buch-teil, »Das Fest«, sind fast 50 Jahre vergangen. Das von der Gemeinschaft adoptierte afghanische Kind Sohaila wird Majanas Nachfolgerin. Sophie, um die 90, hat das letzte Wort.

 

Leseproben

 

12

 

And done again

 

... The old folks and

them Lilli Marleens, usually all looking away not to meet our eyes, even the kids. Die Alten und die Lilli Marleens, üblicherweise schauen sie an uns vorbei, sogar die Gören. Different here from Cologne, where I went to fetch the lorry, last week. Ganz anders hier als in Köln, wo ich letzte Woche den Lkw abgeholt hab. They love them Mississippi boys. Die Mississippi-Boys, die lieben sie. Them and the stink of their peanut butter and blackskins, oh boyo, they swim in honey. Die mit ihrem Gestank nach Erdnussbutter und Negerhaut, au Mann, die schwimmen im Fett. Lord Je Mary and Joe, the holy devil and the pagans dancing a jig at the black market, I thought I was seeing things. Herrje, Marie und Jupp, heiliger Bimbam und die Heiden tanzen Volkstanz auf dem Schwarzmarkt, ich denk, ich werd nicht mehr. They get supplies no problem, and here I am left to see how to feed the lads. Da rollt der Nachschub wie geschmiert, und hier steh ich und kann zusehn, wie ich die Jungs satt kriege. Fuck-all supplies, fuck-all organization, fuck-all fresh fruit and vegetables. Nachschub Scheiße, Organisation Scheiße, frisches Obst und Gemüse einen Scheiß. If it goes on like this, they'll get scurvy on me like Sinbad the Sailor in his tub. Wenn das so weitergeht, kriegen die mir Skorbut wie Sindbad der Seefahrer auf seinem Kahn. Didn't I give it to the officer in writing! Hab ichs dem Offizier nicht schwarz auf weiß gegeben!  A nightly fiddling to put pen to paper. Ne Nacht lang rumgemacht mit Schreibübungen. That flash Harry wiped his Eton arse with my document, ay, nothing happened anyhow. Den Bildungsarsch gewischt hat sich der Lackaffe mit meinem Dokument, jawoll, jedenfalls, passiert ist nichts. Sick bay supervision! Lazarett-Kontrolle! We better had these heaps of rubble here supervised to get the bodies out. Wir sollten lieber hier diese Trümmerhaufen kontrollieren, um die Leichen rauszukriegen. Rats big as cats and getting naughty. Ratten groß wie Katzen und schon frech. I know all this, next thing an epidemic. Ich kenne das, als Nächstes kommt die Seuche...

 

...The boys are randy little buggers,

when it comes to bicycles. Die Jungs sind scharf wie Nachbars Lumpi, wenns um Räder geht. Whenever they get hold of one, doing a house to house, there is a show for granted. Wenn sie bei Hauskontrollen eins erwischen, gibts garantiert ne Schau. Most of the time the women are quicker. Meist sind die Frauen schneller. I suppose they hide them in the basements under a toneen of coal. Ich nehme an, sie verstecken sie im Keller unterm Tönnchen Kohlen. Houses with basements are a real fine thing. Häuser mit Kellern sind ne richtig feine Sache. They watch their boneshakers, of course. Klar, dass sie ihre Drahtesel bewachen. Out they ride to forage, early morning - and every evening the same ol' trouble with the closing time. Hamster-Ausritt in der Früh - und abends jedes Mal derselbe Knatsch mit der Sperrstunde. They are too knackered for the last few corners. Die letzten Ecken machen sie au'm Zahnfleisch. Crawl crawl pushing bicycle ghosts with little sacks and bags. Kriech kriech schiebt Geisterräder mit Säckchen und Beutelchen. Yet curfew is curfew, seems beyond their grasp. Aber Ausgangssperre ist Ausgangssperre, dass sies nicht kapieren. Same story, everywhere. Auf der ganzen Welt dasselbe Lied. Making war and rebellion and what have you, but too thick to learn that curfew is curfew. Machen Kriege und Aufstände und sonst was, aber zu blöd zu schnallen, dass Ausgangssperre Ausgangssperre ist. The boss foaming, what are they on about, the scottern yahoos. Der Alte schäumt, was jeiern sie da rum, die ausgefransten Affen. Can't they even speak a decent language? Nicht mal ne anständige Sprache sprechen sie. If you burn your arse, you sit on blisters. Wer sich den Arsch verbrennt, der sitzt auf Blasen...

 

 

25

 

Das Fest

( 45 - 50 Jahre später : 1993)

...

...

Jürgen, der nicht gern viel auf einmal spricht, fragt,

- wer erzählt, wie Fritz auf Russenschultern kam?

 

Hanni dreht sich halb zu Jürgen um, schaut ihren Sohn ganz finster an, sagt aber nichts. Dann will sie Karin ein Zeichen geben, weil sie sich um Rosemarie sorgt, aber Karin schaut nicht zu ihr hin.

 

- Das musst du erzählen, Sophie, unbedingt, sagt Bernd, der wohl gehofft hatte, dass er zu der Geschichte aufgefordert würde.

 

- Ach, sagt Sophie, ach, ach ja,

aber dann erzählt sie nicht.

 

Bernd legt los,

- Onkel Fritz war doch den ganzen Krieg vor Stein. Zu den Kumpels auf der Zeche wurden Zwangsarbeiter angebracht. Alles Russen. Die lebten vor dem Hohlweg links vom Zechenholzplatz in Baracken. Eingezäunt. Da, wo in der Nähe die Zechenflak das Flugzeug mit den zwei Piloten abgeschossen hat. Jedenfalls ging er nie zu Hause weg ohne Extra-Butters für die Russen und passte auch sonst auf, dass sie am Leben blieben.

 

Jedenfalls, im Frühjahr fünfundvierzig war die Hölle los. Rauchende Trümmer und dazwischen viele Menschen. Trupps von Flüchtlingen, Soldaten, herumziehenden Kin- dern, Jugendlichen, Besatzungs-Soldaten, freigekommenen Zwangsarbeitern, Zwangsarbeiterinnen.

Das Leben war gefährlich.

Unterwegs sein, Nahrung suchen mussten wir ja alle.

 

Onkel Fritz war auf dem Rückweg von nem Treffen, wo beraten worden war, wie es wieder Ordnung geben könnte in der Stadt. Da lief er einem Trupp von Russen in die Arme. Die warn auf einem kleinen Ausflug, nicht gerade nüchtern, Knüppel in den Händen, zirka zwanzig Mann.

 

Bevor Fritz die Kurve kratzen konnte, hatten sie ihn schon erwischt und drauf. Bis zwei Männer etwas riefen und eingriffen. Da waren es zwei von den Zechen-Zwangs- arbeitern. Sie diskutierten mit den anderen, die warn be- geistert, hielten Fritz eine Flasche hin, der dachte bloß, oh nein, bloß keinen Fusel. Da trank er ihn auch schon. Die Männer hoben ihn auf ihre Schultern, und dann gings ab nach Hause im Triumphmarsch.

 

Sophie übernimmt die Geschichte,

- was kommt denn da für ne Theaterprozession? Ich denk, ich spinn. Da bringen sie den Fritz. Ich fange an zu lachen, finde alles immer komischer.

 

Sopie steht auf, spielt uns die Szene vor.

 

- Die Männer lachen auch, gestikulieren. Ich kriege mich vor Lachen kaum noch ein. Worüber Fritz dann später sauer war.

 

Sie wird plötzlich ernst, setzt sich auch wieder hin,

- ach, ich fürchte, diese Männer, diese Frauen aus den Gruben und Fabriken, diese Leute voller Glück, dass sie am Leben waren, wie sie da angezogen kamen mit Trara, da hab ich sie geliebt. Ach, die meisten, glaub ich, kamen später um. Es war ja nicht nur unsre Welt, die da verbrannte. Auch war nicht plötzlich mit dem Unglück Schluss.

 

"Schluss" ist Rosemaries Wort. Sie will, dass endlich Schluss ist mit Geschichten. Um das zu erreichen, erzählt sie selbst eine, aber sehr bös und giftig, so, dass alle merken, sie will dem Erzählen jetzt ein Ende machen.

 

- Jetzt kommt doch noch, wiet vor dem Damals war, wie die Arbeiter-Armee gegen Kapp-Lüttwitz kämpfte, die die Weimar-Republik wegpusten wollten, und gegen Freikorps-Reichswehr, die sich aktiv oder passiv zu den Kapp'schen schlugen.

Arbeiter abgeschlachtet, hatten keine guten Waffen wie die anderen.

Kirche verweigert die Beerdigung der toten Arbeiter,

Leute schaffen sich in den Gemeinden überkonfessionelle Friedhöfe - Gedenksteine dreiunddreißig eingebuddelt, fünfundvierzig wieder ausgegraben.

 

Hanni ist jetzt auch ziemlich böse,

- Rosie, jetzt hör aber auf!

 

Rosemarie, patzig,

- bei uns hört gar nichts auf, verstehste? Möchte ich doch mal erleben, dass die Vergangenheit aufhört bei uns.

 

Elisabeth, versöhnlich,

- Vergangenheit vergeht eben nur langsam.

...

 

 

... Hanni schaut böse um sich und springt auf, ihr Stuhl fällt um,

- ihr Dinosaurier, ihr Elefanten, ihr verdammten! Ihr mit euerm Scheißgedächtnis, ihr! Ich will von Morderei und Bomben nichts mehr hören!

Sie hält sich die Ohren zu und schreit,

- nichts mehr hören!

 

Alle reden und rufen durcheinander. Die meisten sind ebenfalls aufgesprungen, auch Sophie. Ihr Gesicht ist gerötet.

Sie ruft streitlustig,

- noch mehr Tabus?

Ich bin doch nicht beknackt!

 

...

 

Tabu, tabu. Nur ja nicht sprechen!

 

- Nee, nee, ruft Bärbel, Klappe halten iss nich. Die Geschichten bleiben! Die gehören uns!

 

Jürgen versucht, das allgemeine Geschrei zu übertönen,

- erstens ist es blöd, dass wir hier streiten und zweitens

 

- Erstens, zweitens, willstes auf Arabisch oder Römisch?, schneidet Sigi ihm das Wort ab.

 

Piet, auf der Suche nach dem Positiven,

- ist doch super, dass ihr so viel wisst! Ich bin so alt wie Bernd und weiß kaum was.

 

Hänschen haut ihn in die Pfanne,

- bei deinen Leuten ist ja auch nichts los. Wenn du da reinkommst, kannst du fragen: Worüber wird denn heut geschwiegen?

 

Tanja grinst Una an,

- bei uns ist immer Oper. Wir sind die Meistersinger, hahaha.

 

Alle schreien durcheinander, ob Rücksichtnahme wegen Rosmarie und Hanni oder das genau das Falsche oder Geschichten sowieso oder wieso grad heute oder Magdalena würde sagen oder nein, würde sie nicht.

 

Una zu Tanja,

- auweia. Komm, wir hauen ab.

 

Tanja amüsiert sich,

- du kennst das nicht so. Hier ist oft Gedöns. Gibt immer was. Das wird schon wieder.

 

Rosemarie ist furchtbar aufgebracht,

- ihr wollt Hanni und mich noch verdummdeubeln mit eure Psychologen. Macht euch vom Acker, sarich, macht euch bloß vom Acker.

 

Bernd,

- wat nQuatsch hier, wat nQuatsch.

 

Willi möchte die Gesellschaft beruhigen,

- im Drubbel iss imma wat los. Gezz seit nich schäbbich. Lass uns freun, datwe kurrant sin, Muffböcke un Kleff- knurrn giptet sonß schon reichlich.

 

Von seiner Rede sind nur die beiden Schimpfwörter angekommen.

Jochen, Bärbel, Bernd, Rosemarie, Hanni und Elisabeth stürzen sich auf ihn,

- wer ist hier ein Muffbock, wer ist hier eine Kleffknurre!

 

Jochen droht,

- Besuchszeit Berchmannsheil iss Mittwoch Nachmittach.

 

Der alte Hans ist völlig aufgelöst. Er steht da und rudert mit den Armen, würgt nach Tönen und bekommt nichts raus. Elisabeth will ihn beruhigen, er schiebt sie einfach weg.

 

Plötzlich halte ich es nicht mehr aus. Ich fange an zu weinen. Es ist mir gar nicht recht, aber ich kann nicht anders. Es heult einfach aus mir raus.

 

Sophie macht den Familienpfiff. Es ist augenblicklich ruhig.

 

...

 

Emmi und Maresa sehen aus wie Fragezeichen. Sie bekommen die Zusammenhänge nicht mehr hin. Hänschen geht vorbei, und dschemdschem, haben sie ihn geschnappt als Auskunftsquelle. Gerade Hans! Klassensprecher seit der letzten Wahl. Nicht Klassenschweiger, meint Martina, sondern Klassensprecher!

Er sagt ihnen nicht viel. Wo ich herkomme, seit wann ich hier bin. Mehr ist aus ihm nicht rauszukriegen.

 

Maresa sagt,

- das arme Kind.

 

- Was will sie denn, sagt Emmi, das reicht doch für ein ganzes Buch.

 

- Entzückend, sagt Computer-Hänschen und geht weg... ...

 

 

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