Aníya-íla

Auf dem Fest der 2000 Frauen

Christel Göttert Verlag,

104 Seiten,

Euro 7,60

 

Erschienen zum großen Frauen-Gedenk-Labyrinth in Frankfurt/M. im Jahr 2000, bei dem tausend Frauen der Gegenwart tausend Frauen der Vergangenheit darstellten.

 

Siehe auch www.christel-goettert-verlag.de und www.frauen-gedenk-labyrinth.de

 

1. Buchteil: "Penelope" - alter Mythos neu gelesen

 

Penelope ist eine heutige Frau. Sie entdeckt, dass ihr Mann Klaus-Rainer sie wegen ihres alten griechischen Namens geheiratet hat - weil er sich für Odysseus hält! Penelope will es wissen. Sie nimmt sich den Odyssee-Text und einen Abend lang Zeit. Es kommt zu einer Bekanntschaft mit der Muse, die den alten Text einführt.

Gut gelaunt tauchen sie in Denken und Sprechen der Odyssee ein. Sie entdecken, wie frauenfeindliche Sprache, Bilder und Handlungen verankert werden, wie der Diebstahl von Frauen-Namen und Frauen-Geschichte funktioniert. Als sie im 15. Gesang einer aufständischen Frau begegnen, die ihr Geraubtsein und ihre Versklavung nicht akzeptiert, meint Penelope zunächst, eine weibliche Gegenfigur zum "Helden" vor sich zu haben und hofft, dass Flucht und Heimkehr der Frau gelingen. Nichts da, sagt die "Odyssee", Abschuss wie ein Tier, weg mit der Frau und den Fischen zum Fraße.

 

Muse und Penelope halten an, rufen die gemordete Frau, verschwistern sich mit ihr und ehren sie in einer Zeremonie mit dem Namen Aníya-íla. Aníya-íla ist nun mit von der Partie und erlebt, wie der alte Text, uns als Kultur-Erbe angedient, als Propagandamaterial zur Einübung und Legitimierung von Gewalt offengelegt wird.

 

2. Buchteil: "Der Kongress" - ein Theaterstück

 

In einiger Zukunft - die patriarchalen Strukturen sind aufgelöst, Waffenproduktion ist abgeschafft, an allen Orten arbeiten Gruppen unter der Leitung von Frauen-Kooperativen daran, die Welt wieder bewohnbar zu machen. Aníya-íla hat sich über die Zeiten ihren klaren Blick und ihr zielgerichtetes Handeln bewahrt. Sie organisiert einen Kongress, der vor dem Hintergrund von Frauen-Lebensgeschichten den Zustand der einzelnen Länder und die Bearbeitung von Schwierigkeiten zum Inhalt hat. Kinder haben einen frechen Sprachenmix-Rap-Auftritt. Der Kongress wird durch männliche Widerstandsgruppen zerstört. Die alte Gewalt- und Porno-Welt ist wiederhergestellt. Musik und Lieder der Frauen und Kinder aus ihrem Kongress sind jedoch noch da und signalisieren evtl. Hoffnung.

 


 

Aus dem 1. Buchteil

 

Die Muse stöhnt, PennieDarling, du rast durch die Welt da

Mit großem Tempo - Der Jambus, fünf- oder sechshebig

Treibt unerbittlich alle Erzählungen weiter

Drückt unmöglichen Stoff rein, ich merke - ich meine

Mir wird langsam klar, warum sie das Versmaß sich wählten

Da kommst du kaum dazu, zwischendurch Luft zu schöpfen

Oder Zweifel zu kriegen am Inhalt der glorreichen Story

 

Penelope zieht ihre Nase kraus, was lustig aussieht

Trinkt ein Glas Wasser, reckt sich ein wenig vom Stuhl hoch

In Sprache und Rhythmus, die uns so gar nicht gehören

Etwas eignes zu schaffen, sagt sie, ist gar nicht einfach

Doch unser Bewusstsein wird durch Auflösungsarbeit an Fesseln

Aufs Neue sich Stück für Stück bilden, da bin ich ganz sicher

 

Sie nimmt behutsam einen Schluck Wein, zögert etwas

- Und wird dann traurig. Also, sagt sie. dann kommt wohl

Die Episode Schlachtung einer Frau. Denn unser Stückchen

Warnt vor Missverständnissen immer ausgesucht deutlich

Lässt sich als Abschreckungsbeispiel für alle Frauen

Etwas einfallen, was mir noch heute, nach paartausend Jahren

Nicht nur einen Schauder des Grauens bringt, sondern auch Tränen

Als ob mein KlausRainer mit seinem OdysseusGetue

Mich morden möchte grausam-genüsslich-ausführlich

Wie diese Frau in der Odyssee umgebracht wurde

Und sie so durch die Zeit hindurch mir in der Seele bekannt macht

 

Beide Frauen haben vor sich den Text, Gesang Fünfzehn

Penelope geht auf und ab, die Muse steht auch auf

Legt ihr schwesterlich tröstend einen Arm um die Schulter

Lass mich das vortragen, Pen, bitte, sagt sie

Du greifst ein, wenn dir meine Darstellung nicht taugen sollte

Für den Anfang schlage ich eine Zeremonie vor

Nichts Großes, aber doch wichtig, ich meine, wir sollten

Nicht heute noch auf den alten MännerTrick reinfalln

Die Frau ohne Namen zu lassen. Wir werden sie ehren

 

Hier und jetzt ehren wir dich, gemordete Schwester

Muse nimmt ein Blatt vom BasilikumBäumchen

Besprengt es in ihrer offenen Hand mit Tropfen von Wasser

Nimmt den Bergkristall dazu in die andere Hand sich

Wir ehren dich, Schwester, mit deinem richtigen Namen

Aniya-ila. Sie drückt das BasilikumBlatt leicht an die Lippen

Gibt dann beides, Blatt und Kristall an Penelope weiter

Penelope macht es so wie die Muse und spricht dann

Aniya-ila, Schwester, bei uns bist du sicher

Nimm Platz am Tisch, wenn du magst, oder dort auf der Fensterbank

Wo auch Müsli gelegentlich sitzt. Wir werden versuchen

Bei jedem Besuch von dir etwas Gewalt abzutragen

Bis deine Seele befreit ist, so dass keine Trauer

Mehr durch Jahrhunderte dringt, wo ich dann um dich weine

 

Du hast Heimweh, Aniya-ila, ganz wie Odysseus

Auf dem Wege zum Haus deiner Eltern in Sidon, Aniya

Wirst du überwältigt von Männern, die dich verschleppen

Wie neuerdings üblich, wirst du als Sklavin verhökert

Fremde Kinder bekommst du zu hüten und sollst deine Künste

In den Dienst deiner fremden MachtHaber stellen

Aber dein Leben hat nur noch ein Ziel, das heißt Heimkehr

Wie bei Odysseus. Genauso wie er wirst du listig

Erfindungsreich wirst du. Ein Deal mit phönikischen Händlern

Soll dich zurück nach Hause bringen, in Freiheit

 

So ist das nicht gemeint mit dem menschlichen Heimweh

Sagt uns die Odyssee, denn es handelt sich dabei

um ein TextInstrument in Bezug auf Odysseus, nicht etwa

Um Gefühle für Jedefrau, Jedermann. Sklavinnen, Sklaven

Haben zu bleiben, wo sie beuteschlagende Männer

Hinverkauft haben. Sie können sich diesbezüglich

Ein Beispiel nehmen am guten Sklaven Eumaios

 

Was also passiert nach der Flucht mit phönikischen Händlern

Nach sechs Tagen auf See wirst du von Göttin Artemis

Eingeholt. Du stehst ahnungslos auf dem Schiffe

Sie aber schießt dich gnadenlos ab, ja, genüsslich

Voll Mordlust und Häme heißts ?plumps" im Gesang, als du hinstürzt

?Aber am siebenten Tag, den Zeus, der Kronide, uns sandte

Traf die Schützin Artemis plötzlich das Weib mit den Pfeilen

Und sie plumpste gleich einem Wasserhuhn dumpf in den Kielsud

Und die warfen sie dann den Robben und Fischen zum Fraße"

Als Zeichen der größten Verachtung nennt uns die Odyssee

Deinen Namen nicht, liebe Aniya-ila

 

Die Frauen öffnen die Fenster für ein paar Minuten

Frischer Wind soll frischen Mut hereinbringen zu ihnen

Blätter und FlipChartPoster bewegen sich in dem Luftzug

Bevor sie sich wieder setzen, gibt Penelope ein paar Tropfen

SalbeiÖI in das Lämpchen als kleine Erfrischung

Und Stärkung, um fortzufahren. Nach einem Blick des Verstehens

Ergreift die Muse das Wort: Also gut, der griechische Laden

Funktioniert angeblich zur Zeit, als Odysseus abhaut

Beim trojanischen Beutezug kann er schließlich nicht fehlen

Alle Schnickischnackis, die er am Ende nach Haus bringt

Werden mit hypothetischer Beute aus Troja verglichen?

  

 

 

Aus dem 2. Buchteil

 

Die Kinder fühlen sich von der steigenden Stimmung animiert. Sie formen zwei Gruppen. Die eine Gruppe rapt sich mit dem Text gegenseitig an, die andere Gruppe tanzt den Rap sehr sportlich, z.B. als BreakDance. Oder mit InlineScates.

Der Text ist ein ZweisprachenMix, ein bisschen Slang, ein bisschen

frech.

Die Frauen sind überrascht, denn die Kinder zeigen ihnen da etwas

Neues vor, das sie allein entwickelt haben. Aber das akzeptieren die

Frauen, und es amüsiert sie auch. Sie integrieren, was die Kinder ihnen

vorzeigen, wiederum bei sich, indem einige ihre Instrumente holen, um

den Kindern einen starken Beat dazu zu geben.

 

- A woman said to me

That a woman said to her

That another woman said

She saw a fairy

Under a whitethorn bush

Oooh

Aaah

Ei-ei-ei-ei-ei-ei-ei-ei-ei

 

Ene mene Ohrenschmalz

Mama mit Giraffenhals

Schaut nicht rechts und schaut nicht links

Hoppereiter auf der Sphinx

Oooh

Aaah

Ei-ei-ei-ei-ei-ei-ei-ei-ei

 

Ohrenschmalz

Giraffenhals

Under a whitethorn bush

If ye wanna move

Put on ye shoeses an go

Go

Go

Go

Go go go go go go go go go

 

Heb dich hoch von deinem Po

An go

An go

An go go go go go go go go go

 

What did the woman say

Hey

What did the woman say

Hey

She said Inx Inx

Hoppereiter on her Sphinx

Mit ihrm Whitethorn-Dings

Hey

 

The hairy-hairy fairy schreit

Also seid ihr noch gescheit

Die women wolln was hören

Un die kids solln da nich stören

Ooooooooooh

Aaaaaaaaaah

Bum

 

(Hin- und Her-Wiederholungen/Gegensingen einzelner Teile, das

?bum" am Schluss kommt nur einmal, eben zum Schluss).

        

Der Boden des Businessraums besteht jedoch nicht aus Holz oder Teppich, sondern aus Grasbüscheln.

Die Politiker grapschen gierig nach dem Mikrofon. Sie baden dann

in ihrer eigenen Wortmeldung. Was ihre Kollegen sagen, interessiert

sie jedoch überhaupt nicht.

Wenn sie das Mikrofon nicht erwischen, ziehen sie Handies aus ihren

Jackett- und Hosentaschen und rufen ?hallo hallo? hinein. Die Handies

sammeln sich auf dem Tisch an.

 

Der Journalist:

 

 - Herr Ministerpräsident

was sind die Ergebnisse des Gipfeltreffens

 

 - Nicht was, sondern wie! Wie sind die Ergebnisse.

Sie sind hervorragend, Herr-vorragend. Dieses Treffen

diente der Bilanz. Nach der Pest der FrauenMacht mit

ihrem KreislaufVirus, Kreislauf, Kreislauf, hahaha,

ist Gesundung angesagt. Männer, jetzt schön arbeiten,

dann werdet ihr gesund.

 

Der Ministerpräsident wendet sich um, wo auf der FilmWand eine

PornoSzene zu sehen ist und fängt an zu onanieren.

 

Der Journalist richtet sich an den nächsten Politiker,

 

- Herr Kanzler,

wie schließt die Bilanz

 

- Ehem, positiv, sehr positiv, ehem. Alle sogenannten

Bildungsstätten und Depotgelände umgewidmet in Fabriken

und, ehem, Kasernen. Wissen doch die Leute, was sie

haben! Produktion, ehem ehem, noch unter Schwierigkeiten, mancherorts. Aber wird schon, ehem, wird schon,

wird schon.

 

Sein Tischnachbar schnappt sich das Mikrofon.

 

- Kleinere Kriege können wir bereits beliefern.

Militär fast auf Niveau von ehedem. Menschen glücklich,

glücklich, dass sie wieder was zu glauben haben.

Internationale Waffensegnung gestern, liebe Brüder,

weltweit ausgestrahlt, ging uns da nicht allen unser

Herz auf?

 

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